Kopf_AromapraxisAktuell




Patchouli: Flower Power, Räucherstäbchen und Weltverbesserung

Betrachtungen zu einem ungewöhnlichen und unterschätzten ätherischen Öl


as ätherische Öl aus Pogostemon patchouli/cablin ist ein überaus anschauliches Beispiel, will man die Entstehung von Duftassoziationen und die damit verknüpften Konditionierungen dokumentieren. Beim Blick in die Aromatherapieliteratur der Gegenwart kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche AutorInnen um Sachlichkeit bei der Beschreibung von Patchouli ringen müssen und es infolgedessen recht stiefkindlich unter ferner liefen abhandeln. Könnte es sich dabei um einen generationsbedingten Verdrängungsmechanismus – Stichwort Jugendsünden – handeln? Patchouli, so viel ist klar, gehört zu den Schwergewichten der Aromatherapie, auch wenn es Susanne Fischer-Rizzi in ihrem Buch „Himmlische Düfte“ (Aarau, Schweiz 2002) zu einem Kurzporträt im hinteren Buchteil „degradiert“, wo sie doch zu anderen großen Essenzen in ihren Beschreibungen eine geradezu familiäre Verbundenheit evoziert. Kurt Schnaubelt („Neue Aromatherapie“, Köln 1999) widmet Patchouli lediglich einen Dreizeiler, in welchem er den Bezug zur Hippie-Genration nicht unerwähnt lässt und sich bei den Wirkungen auf die Venentonisierung beschränkt. In seinem englischen Buch „Medical Aromatherapy – Healing with essential Oils“ (Berkeley, California 1999) erwähnt Schnaubelt gar keine therapeutischen Indikationen. Er bedauert vielmehr die Tatsache, dass zum überwiegenden Teil nur schlechte Qualitäten im Handel seien, was für eingehendere Untersuchungen bezüglich der positiven Wirkungen von Patchouli ein Hindernis darstelle. Er empfiehlt es ausschließlich als Parfumstoff. Zwar ausführlicher aber ebenfalls mit merklicher Distanz beschreibt Patricia Davis sowohl den Duft als auch die Wirkungen. („Aromatherapie von A-Z“, München 2002).
Erich Keller („Aromatherapie“, Berlin 2006) stellt auch die Flower-Power-Verbindung her und betont die Wichtigkeit der Duftakzeptanz, rät zur „Verpackung“ mit Jasmin oder Neroli.
Wie kein zweiter wird der schwere Geruch des exotischen Lippenblütlers mit Hippietum, Weltverbesserung, Systemkritik und „Atomkraft nein danke“-Aufklebern in Verbindung gebracht. Seine Blütezeit hatte Patchouli, das jedoch kein Blütenöl ist, sondern aus dem getrockneten und fermentierten Kraut gewonnen wird, zur Jugendzeit der 68-er-Generation. Bis in die 80-er Jahre war es die Duftmarke der damals auch optisch noch wesentlich stärker vom spießigen Kleinbürgertum abgegrenzten Ökologie-Rüstungsgegnerszene. Lange hennagefärbte Haare, indische Tücher, lila Latzhosen sowie wuchernde Bärte sind Bilder, die bei vielen sofort mit dem Duft aus dem Unterbewusstsein wabern. Seine Räucherstäbchenvergangenheit bleibt an Patchouli so sehr haften, wie es dies selbst als waschechter Fixateur tagelang in Haaren, Kleidern und auf der Haut tut. Wollte man tatsächlich die Wirkungen von den durch das Hippie-Image hervorgerufenen Erwartungshaltungen trennen, müsste man eine erhebliche Anzahl von totalen Anosmikern, die nicht älter als fünfzehn Jahre alt sein dürften, in einer Studie mit Patchouli beduften. Man kann sich aber auch ohne empirische Vorabreit dem tiefgründigen Duft Indiens hingeben und das aromatherapeutische Pferd andersherum aufzäumen: Es stellt sich doch die Frage, was ausgerechnet Patchouli zur symbolträchtigen Duftfahne der alternativen Szene gemacht hat. Warum nicht ein anderes erschwingliches Öl aus Indien oder Asien? Warum nicht Lemongrass oder Tulsi?
In der Natur des Weltverbesserers liegt es, andere zu ihrem Glück zwingen zu wollen. Im Falle von Patchouli kann er damit ganz schön auf die Nase fallen. In der ad absurdum geführten Aromatherapie erfährt eine gut gemeinte Patchoulioffensive schnell eine Wandlung zum Aromaterror.

Therapie statt Terror

Eine kleine Privaterhebung zum Thema Duftakzeptanz beschert überraschende Erkenntnisse: Ohne Namensnennung wird ein subtiler Hauch von Patchouli in einer Mischung mit Bergamotte generationenübergreifend als angenehm empfunden. Dosiert man Patchouli in der oben genannten Mischung etwas stärker, ist die Wiedererkennungsquote enorm. Mit der Erkennung verschärft sich auch die Polarisierung von ekstatischem Zuspruch bis hin zur strikten Ablehnung, die oft mit einer nahezu moralischen Entrüstung einhergeht, als verstoße der bloße Geruch gegen die guten Sitten. Daraus erwächst die ätherische Lehre, dass man weder mit Düften noch mit Gesinnungszurschaustellungen zu dick auftragen sollte, wenn man zwar bleibenden aber vor allem angenehmen Eindruck hinterlassen möchte. Eine seriöse Studie dazu müsste dem sich aufdrängenden Rückschluss nachgehen: Polarisiert in Wirklichkeit der sinnlich-rauchige Duft oder werden vielmehr gewisse Erwartungshaltungen eher mit dem Namen dieser unvergleichlichen Aromapflanze verknüpft? In der Literaturwissenschaft würde man von rezeptionsgeschichtlich bedingter Interpretation sprechen.
Ein altes Lied der Heilkunde erzählt indessen von der Macht der Erwartungshaltung. Die Wirkung eines Heilmittels oder einer -methode hängt entscheidend von der seitens des Patienten erwarteten Wirkung ab, egal woran sich diese Erwartung knüpft. Das kann der Name des Mittels, sein Aussehen, sein Geruch, die Aussagen auf dem Beipackzettel oder die Person, die es verabreicht sein – meist ist es eine Kombination aus all diesen Faktoren. Gerade in der Aromatherapie ist man gut beraten, wenn man darin einstimmt und sensibel auf Ablehnung eines Duftes reagiert. Was uns in so vielen Fällen in Form von heilenden, positiven Duftassoziation hilft, können wir nicht in weniger bequemen Situationen einfach über Bord werfen. Also ergeben wir uns hiermit der Autorität des Images und zwingen niemanden zum Flower-Power-Patchouli-Glück. Übrigens legen auch Menschen, welche auf den ersten Dufteindruck von höher dosiertem Patchouli zunächst angewidert reagieren, nur selten den Duftstreifen endgültig aus der Hand. Immer wieder geht diese mit dem angeblich so abstoßend stinkenden Papier doch zur Nase, welche ihren Besitzer geistesabwesend an dem braunen Ölfleck schnuppern lässt. Warum deckt Patchouli mehr als andere Öle diesen offensichtlichen Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt auf? Die Antwort liegt irgendwo zwischen selbstgedrehten Zigaretten, Weltanschauungsdiskussionen, erster Liebe und dem Wandel des eigenen Selbstbildes…
Hat man das Glück, sich mit Patchouli ohne innere Wider­sprüche einlassen zu wollen, kann man seine ausgleichenden Eigenschaften in allen Lebenslagen nutzen. Es bedarf natürlich bei der Dosierung eines gewissen Fingerspitzengefühls, zumal Patchouli seine heilenden Qualitäten durchaus in geringster Dosierung zu entfalten vermag. Ein angenehm duftendes Duett bildet Patchouli mit Rosengeranie. Diese Mischung bewährt sich vor allem als Wäscheparfum. Weitere berühmte Insektenvertreiber wie Zeder, Lavendel, Lemongrass etc. kann man nach Belieben noch dazumischen. Nerviges Einölen mit Insektenschutzmittel kann man sich sparen, gibt man Patchouli und Geranie in den letzten Waschgang (Weichspülerfach) in die Waschmaschine. Auch den Motten vergeht der Appetit auf derart parfümierte Textilien. Die sich neuerdings wieder in Mitteleuropa ausbreitenden Bettwanzen wenden sich angeekelt ab, wenn das Laken für unsere Nasen nur knapp an der Wahrnehmungsgrenze diesen Duft verströmt.
In der Hautpflege empfiehlt sich Patchouli für alle, die seinen exotischen Duft mögen, als lindernde Zutat in Pflegeölen, Salben oder Bädern gegen stressbedingte Probleme.

Give Biochemie a chance!

Angesichts eigener Befangenheit führt kein Weg an der biochemischen Analyse vorbei. Dabei nähren wir die leise Hoffnung, bei den Inhaltsstoffen Anhaltspunkte für das Weltverbesserungspotential von Patchouli zu finden.
Die erste Geige im Orchester der Inhaltsstoffe spielen Sesquiterpene und deren Derivate. Die Schwere des Öls und seine außerordentliche Hautfreundlichkeit lassen sich schon bei diesem ersten Überblick erahnen. Mehr als ein Dutzend Sesquiterpene stellen insgesamt zwischen 40 und 50 Prozent der Inhaltsstoffe und sorgen wegen ihrer entzündungshemmenden Eigenschaften vor allem in der Langzeitanwendung für Linderung bei chronischen Dermatosen. Auch allergische Prozesse werden durch die immunmodulatorische Wirkung vieler Vertreter dieser Stoffgruppe günstig beeinflusst. Neurodermitis- und Psoriasispatienten, die der charaktervolle Duft nicht abstößt, dürfen auf sanfte und effiziente Hilfe hoffen, wenn sie Pachtouli in ihre tägliche Kosmetik integrieren. Der in anderen ätherischen Ölen nur in Spuren vorkommende ebenfalls bestens verträgliche Sesquiterpenalkohol Patchoulol ist mit bis zu 45 Prozent vertreten. Er wirkt entstauend auf das venöse System. Monoterpene finden sich lediglich in geringfügigen Mengen, höchstenfalls 1%. Patchouli verfliegt nicht. Ein ökonomisches Öl, das auch nach Tagen noch wahrgenommen werden kann. Keine Chance, Patchouli zum Verduften zu bringen! Es braucht keine Konfrontation mit anderen Düften scheuen, mit denen man es etwa zu überdecken versuchen wollte. Das erinnert irgendwie an Sitzstreik und gewaltfreien Widerstand. Trotz seiner olfaktorischen Beharrlichkeit: Aggressiv ist rein gar nichts an Patchouli, die großen Moleküle der Sesquiterpenoiden haben sämtlich einen ausgleichenden Effekt auf das zentrale Nervensystem, bringen Sympathikus und Parasympathikus in Harmonie.
Wir haben es mit einem für alle Menschen, ob jung oder alt, männlich oder weiblich, gleichermaßen gut verträglichen Öl zu tun, vorausgesetzt, wir haben Zugang zu einwandfreier Qualität. Jeder kann sich mit Patchouli risikofrei – zugegebenermaßen ist dies nicht gerade typisch für Substanzen mit Hippievergangenheit – verwöhnen: Wir haben Ruhe vor Insekten, Frieden vor Pilz- und anderen Infektionen. Stattdessen dürfen wir entspannt unseren Alltagsstress loslassen, aphrodisiert die Nähe eines anderen Menschen genießen. Um die Antwort auf die Frage nach der Berechtigung von Patchouli als Essenz der Friedensbewegung nicht schuldig zu bleiben, erscheint nach der eingehenden Betrachtung seiner Inhaltsstoffe und ihrer Wirkungen die abschließende Folgerung zulässig: Patchouli ist das Biochemie gewordene Blumenkindermotto Give Peace a chance.

Die Autorin Ulrike Polifke ist ärztlich geprüfte Aromapraktikerin aus D-96172 Mülhausen.
Beratungen und Behandlungen nach telefonischer Terminverein­barung: Telefon (09548) 982 231 ·
aromula@online.de















Pogostemon




























AiDA Aromatherapy International



































Pogostemon














































































Aromapraktikerin


© Eliane Zimmermann
AiDA Aromatherapy International, Glengarriff
redaktion@aromapraxis.d